Empathie in der Pflege

Tag der Pflegewissenschaft 2012 - Braunschweig

"Tag der Pflegewissenschaft gibt der Pflege eine Stimme"
Claudia Habenicht, Lehrerin des Marienstiftes, berichtet vom Tag der Pflegewissenschaft, der sich mit dem Thema "Empathie statt Mit-Leid" beschäftigte hier> [649 KB]

Buchveröffentlichung - Empathie statt "Mit-Leid"

Peter Scheu: Empathie statt "Mit-Leid". Ein praktisches Konzept zur Förderung empathischer Kompetenz in der Pflege. Tectum Verlag Marburg, 2010 ISBN: 978-3-8288-2342-6 Preis im Buchhandel: 24,90 €

Die Verlagsmitteilung - www.tectum-verlag.de:

Empathie gegenüber pflegebedürftigen Menschen gehört zur Grundhaltung vieler Beschäftigter in pflegerischen Gesundheitsberufen. Lange Zeit galt jedoch die Überzeugung, dass empathisches Verstehen gegenüber pflegebedürftigen Menschen zu emotionaler Überforderung der Pflegenden führt und schlimmstenfalls im Burn-out-Syndrom mündet.
Claudia Bischoff-Wanner, Professorin für Pflege- und Erziehungswissenschaft, hat sich mit Empathie und deren Bedeutung für die Pflege intensiv befasst. Sie stellt fest: Pflegende, die eine empathische Beziehung zu pflegebedürftigen Menschen aufbauen und therapeutisch nutzen, haben weniger Schwierigkeiten mit emotionalen Situationen als andere. Ganz anders gedacht erhalten Pflegende im gegenseitigen Geben und Nehmen selbst Unterstützung durch die pflegebedürftigen Menschen.

Peter Scheu stellt auf der Grundlage dieser Erkenntnis ein Konzept vor, das empathische Kompetenz gezielt fördert. Sowohl in pflegeberuflichen Ausbildungen als auch in der Fort- und Weiterbildung können bestimmt Trainigseinheiten dazu beitragen, empathisches Verstehen als Teil lebenslangen Lernens zu begreifen.

Damit kehrt die Pflege auf der Suche nach einer zukunftsfähigen Identität zu einer Grundhaltung zurück, die bereits über viele Jahrhunderte ihr Berufverständnis beeinflusst und geprägt hat.

Mehr zum Inhalt gibt es hier> [31 KB]
Weitere Informationen gibt es hier>
Zur portofreien Bestellung beim Verlag>

Empathie lehren und lernen

Trainingskonzept “Förderung empathischer Kompetenz” in der pflegerischen Aus-, Fort- und Weiterbildung
copyright by Peter Scheu 2004

In den Pflegeberufen gilt die psychosoziale Betreuung von Patienten als berufliche Aufgabe. Der Beziehungsaspekt zwischen Pflegenden und Patienten steht im Mittelpunkt vieler Pflegetheorien (vgl. auch Moers, Schaeffer 2003). Nach Overlander ist empathisches Verstehen auch mit Angehörigen und im therapeutischen Team von Bedeutung. Sie betont, dass es unbestritten ist, dass mit einer enormen Vergrößerung der personenbezogenen Dienstleistungsbereiche vermehrt Gefühlsarbeit von Pflegenden gefordert wird (vgl. Overlander 2001, S. 143).

Deshalb hat die Frage nach der Lehr- und Lernbarkeit von Empathie einen entsprechend hohen Stellenwert. Bischoff-Wanner hat dazu unterschiedliche Trainingskonzepte aus der angloamerikanischen Literatur vorgestellt. Die Untersuchungen beinhalten zudem Ergebnisse über die Effektivität dieser Konzepte und sollen auf der Grundlage von Bischoff-Wanners Ausführungen betrachtet werden.

Empathie/Empathisches Verstehen

Eigene Erfahrungen
Auch ich wollte einen Pflegeberuf erlernen, um anderen Menschen zu helfen. 25 Jahre sind es nun, dass mich der Pflegeberuf – mein Beruf – prägt, und ich begreife, was es heißt „lebenslang Lernender“ zu sein. Vom Schulalltag im Gymnasium fast zerbrochen, verließ ich nach der 11. Klasse die Schule. Als „Urinkellner“ oder „Wärter“ von den Mitschülern verlacht, begann ich meine Ausbildung. In einem Vorpraktikum lernte ich mit geistig und körperlich
eingeschränkten, jungen Männern umzugehen – und die mit mir, einem 17-jährigen Diakonischen Helfer.

„Wie kann ich anderen Menschen helfen, wenn ich mir selbst nicht helfen kann?“ Diese Frage stellten uns Mitarbeiterinnen vom Diakonischen Werk bei einem Seminar während des Freiwilligen Sozialen Jahres. Diese Frage prägt seither mein „Pflege-Leben“. Auch ich stelle inzwischen den Auszubildenden am Anfang ihrer Ausbildung diese Frage. Meines Erachtens ist sie der Schlüssel zu mir und damit eine wichtige Grundlage für empathisches Verstehen.
Wenn ich lerne, meine Stärken und Grenzen zu erkennen und die damit verbundenen Gefühle bewusst wahrzunehmen, und lerne damit umzugehen, dann wird es mir gelingen, auch gegenüber anderen empathisches Verstehen zu zeigen.

Reflexionsfragen und -ziele

Wie gehen Pflegekräfte damit um, dass sie alltäglich mit Menschen zu tun haben, die durch gesundheitliche Einschränkungen in einer Pflegebeziehung von ihnen abhängig sind? Dies kann von kurzer Dauer während eines Krankenhausaufenthaltes oder aber über Jahre hinweg im Pflegeheim oder der häuslichen Pflege sein. Wie gehen Pflegende mit körpernahen Interaktionen um, die auf Grund dieser Pflegebeziehungen entstehen? Welche Gefühle löst das bei ihnen aus? Woran erkennen Pflegende die Bedürfnisse von Kranken nach Zuwendung, Ansprache, Zärtlichkeit, Mitleid und Trost? Wie reagieren sie darauf? Wie kann es sein, dass Pflegende diese Bedürfnisse nicht wahrnehmen können? Welche Mechanismen verhindern, dass man diese Bedürfnisse nicht wahrnehmen kann/will? Wie können sich Pflegende schützen, damit aus empathischem Verstehen kein „Mit-leiden“ wird?

Wer als professionell tätige Pflegende die individuelle Situation eines Menschen verstehen und über empathisches Verstehen sensibel darauf reagieren möchte, muss sich mit Empathie auseinander setzen. Im Einzelnen sollte sich eine Pflegekraft bewusst machen,

  • welche Vorstellungen, Erlebnisse und Verhaltensweisen sie mit Empathie verbindet und was sie über Empathie weiß;
  • in welchen Situationen sie selbst empathisches Verstehen erwartet und auf welche Weise sie das dem anderen gegenüber signalisiert;
  • wie es ihr geht, wenn Empathie ausbleibt und der andere „sie einfach nicht verstehen kann“;
  • was es heißt, sich in einen „anderen hineinzuversetzen“ und eine Situation aus seiner Sicht wahrzunehmen;
  • über welche Mechanismen empathisches Verstehen signalisiert werden kann.